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Herzkrank: Vorsicht bei Schmerzmitteln

Die Einnahme bestimmter Schmerzmittel kann für Herzpatienten riskant sein. Einer Studie zufolge sollen sie sogar das Risiko für einen plötzlichen Herztod erhöhen
von Barbara Kandler-Schmitt, 29.09.2017

Beipackzettel durchlesen: Herzpatienten sollten bei manchen Arzneien vorsichtig sein

Mauritius/BSIP/Boissonnet

Die Meldungen klangen dramatisch: "Herztod durch Schmerzmittel", "Forscher warnen vor Diclofenac und Ibuprofen", "NSAR erhöhen Risiko für plötzlichen Herzstillstand". Solche Schlagzeilen geisterten im Frühjahr durch die Medien. Viele schmerzgeplagte Patienten waren verunsichert, suchten Rat beim Arzt und in der Apotheke.

Dänische Forscher hatten im Fachblatt European Heart Journal berichtet, dass bestimmte Schmerzmittel das Risiko für einen plötzlichen Herztod erhöhen. Darunter Ibuprofen und Diclofenac, die niedrig dosiert rezeptfrei in Apotheken erhältlich sind.

Beunruhigende Zahlen

Ein Team um den Kardiologen Professor Gunnar Gislason vom Gentofte Universitätskrankenhaus Kopenhagen hatte Daten von fast 29 000 Patienten analysiert, die zwischen 2001 und 2010 einen Herzstillstand erlitten hatten. Unter anderem überprüften die Forscher, ob die Patienten in den 30 Tagen davor zu Schmerzmitteln gegriffen hatten. Bei Diclofenac zeigte sich in diesem Zeitraum nach der Einnahme ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für einen Herzstillstand, bei Ibuprofen um 31 Prozent.

Heißt das nun, dass jeder um sein Herz fürchten muss, der wegen Kopfschmerzen mal ein Schmerzmittel schluckt? Das sicher nicht. Der Erlanger Pharmakologe Professor Kay Brune bezweifelt die Aussagekraft der Studie – zumal diese nicht belegt, dass die Medikamente die Ursache für das erhöhte Risiko waren.

Zweifel, ob die Studie aussagekräftig ist

Viele der untersuchten Patienten hatten auch ohne diese Mittel verschiedene Risikofaktoren für einen Herzstillstand, etwa Bluthochdruck, Diabetes oder hohes Alter. "Es fehlen Angaben zur Art der Erkrankung und zum Grund für die Schmerzmitteleinnahme", betont Kay Brune.

Zudem sei in der Veröffentlichung nicht zu erkennen, wie lange und in welcher Dosierung die Arzneien angewendet wurden. "Es macht einen großen Unterschied, ob ein Patient wegen Kopfschmerzen einmalig 200 Milligramm oder aufgrund rheumatischer Beschwerden täglich 1200 Milligramm Ibuprofen einnimmt."

Neue Daten, altes Problem

Dennoch: Dass Schmerzmittel nicht grundsätzlich harmlos sind, ist schon länger bekannt. So greifen Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) die Schleimhaut von Magen und Zwölffingerdarm an. Vor allem bei älteren Patienten treten als Folge nicht selten sogar Magen-Darm-Geschwüre und Blutungen auf. "Seit mehr als 20 Jahren wissen wir zudem, dass diese Mittel Herz und Nieren schädigen können", betont Professor Thomas Eschenhagen, Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Von Bedeutung ist das vor allem für Patienten, die Risikofaktoren für eine Herzkrankheit haben. Dazu gehören Diabetes, Bluthochdruck oder ein vorausgegangener Herzinfarkt. Auch Raucher oder Menschen mit einer familiären Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten vor der Einnahme stets den Arzt oder Apotheker um Rat fragen. Denn vor allem bei ihnen können Wirkstoffe wie Ibuprofen und Diclofenac das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich erhöhen. "Leider ist das in der Allgemeinheit noch zu wenig bekannt", so Eschenhagen. Dies sei besonders problematisch, weil die Mittel massenhaft ohne ärztliche Kontrolle eingenommen würden.

Senken Sie Ihr Risiko bei der Schmerztherapie:

  • Bei erhöhtem Risiko für Herz-, Magen- oder Nierenprobleme grundsätzlich mit dem Arzt klären, welches Schmerzmittel erlaubt ist.
  • Mittel wie Diclofenac möglichst kurz und niedrig dosiert einnehmen. Auch bei kurzer Anwendung steigt das Risiko mit der Dosis.
  • Magenempfindliche Personen brauchen eventuell zusätzlich ein Magenschutzpräparat.
  • Falls während der Therapie Herz- oder Magenprobleme neu auftreten, sofort zum Arzt gehen!

Vorsicht bei Herzschwäche und koronarer Herzkrankheit

Warum manche Schmerzmittel ein Risiko für das Herz darstellen, wurde dabei noch nicht völlig geklärt. Bekannt ist, dass sie den Blutdruck leicht erhöhen. Zudem fördern sie die Verengung von Blutgefäßen und die Verklumpung der Blutplättchen. Dies begünstigt Ablagerungen in den Gefäßen – das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte steigt. Bei Menschen ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei die Gefahr bei kurzfristiger Einnahme aber minimal, beruhigt Eschenhagen. "Bei Herzschwäche oder koronarer Herzkrankheit stehen die Risiken jedoch in keinem Verhältnis zum Nutzen."

Dennoch nehmen viele Herzkranke riskante Schmerzmittel ein, etwa wegen chronischer Gelenkschmerzen. Für Eschenhagen ein unhaltbarer Zustand, "zumal die Mittel bei degenerativen Erkrankungen wie Arthrose schnell ihre Wirkung verlieren". Der Pharmakologe plädiert dafür, die Patienten auf andere Schmerzmittel oder alternative Behandlungen umzustellen. Im Einzelfall sei dies allerdings immer mit dem Arzt zu klären.

Beratung in der Apotheke wichtig

In Deutschland geben Apotheken jedes Jahr rund 150 Millionen Packungen Schmerzmittel ab, 70 Prozent davon rezeptfrei. Durch gezielte Beratung tragen Apotheker dazu bei, die Risiken deutlich zu verringern. Der Kunde sollte sich daher nicht wundern, wenn er beim Kauf gefragt wird, ob er herzkrank ist oder welche Medikamente er sonst einnimmt. "Das hat nichts mit Neugier zu tun, sondern soll die bestmögliche Beratung gewährleisten", sagt Dr. Kathrin Fritzsche, Apothekeninhaberin im thüringischen Zeulenroda. So können manche Schmerzmittel unter anderem die Wirkung von Blutdrucksenkern beeinträchtigen, vor allem von ACE-Hemmern wie Ramipril.

Ein weiteres Problem: Viele Patienten bekommen bereits wegen chronischer Rücken- oder Gelenkbeschwerden Schmerzmittel vom Arzt verschrieben. Bei akuten Beschwerden wie Kopf- oder Zahnschmerzen kaufen sie dann zusätzlich rezeptfreie Medikamente und nehmen beide Mittel gleichzeitig ein, was wegen der Überdosierung zu unerwünschten Wirkungen führen kann. "Deshalb sollte jeder Patient eine Stammapotheke haben, die eine Kundenkartei für ihn führt", betont Fritzsche. Das kann helfen, Doppeleinnahmen zu verhindern.

Schmerzmittel nur kurzfristig anwenden

Grundsätzlich rät die Apothekerin, Schmerzmittel ohne ärztliche Anweisung nur kurz einzunehmen. "Halten die Beschwerden länger als drei Tage an, müssen sie abgeklärt werden." Auch wenn die Schmerzen erstmalig auftreten oder sehr heftig sind, sollte man umgehend einen Arzt aufsuchen.

Bei chronischen Schmerzen kann die Apotheke lediglich unterstützende Maßnahmen empfehlen, etwa Wärmeauflagen oder Einreibungen mit ätherischen Ölen. Bei Gelenkbeschwerden oder Sportverletzungen helfen Präparate zur äußeren Anwendung: "Diclofenac und Ibuprofen dringen durch die Haut ein und verursachen so kaum allgemeine Nebenwirkungen", sagt Fritzsche.

Nicht zuletzt wegen der sachkundigen Beratung rät auch der Kardiologe und Studienautor Gislason, sich Länder wie Deutschland zum Vorbild zu nehmen. Denn hier besteht für Schmerzmittel Apothekenpflicht. In seinem Heimatland Dänemark sind manche Präparate in Supermärkten und sogar an Tankstellen erhältlich.



Bildnachweis: Mauritius/BSIP/Boissonnet

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